Die klinische Versorgung von Kindern mit Dysarthrie stellt für Sprachtherapeuten eine große Herausforderung dar. Nur durch ein individuelles hochspezifisches Vorgehen kann den Besonderheiten, die Kinder mit Dysarthrien mit sich bringen, Rechnung getragen werden.

 

Entwicklungseinflüsse


Ein Gesichtspunkt, der in der Arbeit mit dysarthrischen Kindern zu berücksichtigen ist, ist der Entwicklungsaspekt. Parallel zum Erwerb anderer sprachlicher Fähigkeiten, z.B. in den Bereichen Phonologie, Lexikon oder Syntax, entwickeln sich auch sprechmotorische Funktionen erst im Verlauf der Kindheit. Dieser Prozess erstreckt sich mindestens über die erste Lebensdekade (Kent & Vorperian, 1995).

 Kindliches Sprechen ist u.a. geprägt von folgenden Faktoren:
  • Anatomische Unreife des Sprechapparates: Alle der am Sprechen beteiligten Strukturen sind kleiner und stetigem Wachstum unterworfen. Auch die Größenverhältnisse sind anders als bei Erwachsenen – z.B. verfügen Kinder über einen im Verhältnis deutlich kleineren nasalen Resonanzraum.
  • Physiologische Besonderheiten: Die motorischen Abläufe des Sprechvorgangs müssen erst erlernt werden. Z.B. wird die fein koordinierte Abstimmung zwischen abdominaler und thorakaler Muskelaktivierung (Bauch- und Brustatmung) bei der Sprechatmung erst am Ende der Grundschulzeit beherrscht, zuvor überwiegt die Bauchatmung.
  • Interaktion mit anderen Entwicklungsdomänen: Die sprechmotorische Entwicklung ist in den Gesamtzusammenhang des Spracherwerbs sowie der kognitiven Entwicklung eingebettet. Sprechfunktionen hängen daher eng mit anderen Leistungen zusammen, z.B. sind die Artikulationsbewegungen von Kindern weniger präzise und langsamer, wenn sie mit syntaktisch unbekannten Strukturen oder kognitiv anspruchsvollen Aufgaben konfrontiert sind.
Diese Faktoren führen dazu, dass sich kindliches Sprechen auch in der typischen Entwicklung massiv vom Sprechen Erwachsener unterscheidet. So ist beispielsweise das Sprechen von Grundschulkindern charakterisiert durch…
  • häufige Einatmungspausen sowie andere Unterbrechungen des Redeflusses
  • eine behauchte Stimmqualität
  • reduzierte Artikulationsschärfe und ein
  • langsames Artikulationstempo (Schölderle, Haas, & Ziegler, 2017).
Das potentielle Auftreten solcher physiologischen Sprechmerkmale muss bei der Diagnostik kindlicher Dysarthrien unbedingt berücksichtigt werden, da sie systematisch von Symptomen der Sprechstörung, die behandlungsbedürftig sind, abgegrenzt werden müssen (siehe Diagnostik).

 

Mehrfachbehinderung


Meistens treten kindliche Dysarthrien im Kontext einer Mehrfachbehinderung auf. Sie sind assoziiert mit sensorischen Störungen, kognitiven Einschränkungen und Epilepsien. Diese Faktoren müssen bei der Dysarthriediagnostik neben den (sprech-)motorischen Beeinträchtigungen berücksichtigt werden:

Symptome

 zu berücksichtigen

 Sehbeeinträchtigung
  • zu kleine oder detaillierte Darstellungen auf Bildmaterial können nicht erfasst werden
  • Lesetexte können bereits rein visuell nicht verarbeitet werden

 Hörbeeinträchtigung
  • fehlerhafte Reaktionen des Kindes können durch mangelhafte zentrale Verarbeitungsfähigkeiten oder periphere Höreinschränkungen bedingt sein

 Kognitive Defizite
  • eingeschränkte bzw. nicht erworbene Lesefähigkeit
  • eingeschränktes Verständnis für komplexe Methoden oder Anweisungen

(Giel & Maihack, 2008; Kaiser-Mantel, 2012)

 

 

Es muss berücksichtigt werden, dass bei einer vorliegenden Mehrfachbehinderung nicht nur viele gängi­ge Aufgabenstellungen und Methoden aus der Sprachentwicklungs- bzw. Dysarthriediagnostik nicht ohne Weiteres durchführbar sind, sondern die erhobenen Befunde auch durch sprachlich-kognitive Einschränkungen verzerrt sein können (z.B. wenn ein Lesetext aufgrund des hohen kognitiven Anspruchs deutlich verlangsamt gelesen wird oder ver­mehrte Pausen auftreten).

 

Ideensammlung

Hilfestellungen für die Durchführung einer Diagnostik bei mehrfachbehinderten Kindern:

Gestaltung der Testsituation   Motivation
& Mitarbeit
  Hilfestellungen
  • Umgebungsreize minimal halten, um Problemen bei der Aufmerksamkeits-steuerung entgegenzuwirken
  • altersgerechtes und ansprechend gestaltetes Untersuchungsmaterial
  • motivierendes Setting (z.B. am Computer)
  • Einsatz von Verstärkern
  • Wiederholungen der Aufgabenstellung
  • Einsatz von Gesten (z.B. zur Verdeutlichung des Sprecherwechsels beim Nachsprechen)

Dauer

 

Komplexität

  • Durchführungsdauer gering halten
  • Pausen einplanen
  • möglichst intuitive Aufgabenstellung
  • implizites Vorgehen
  • konkrete Begrifflichkeiten verwenden

Sie haben andere gute Ideen? Schreiben Sie uns!


 

Lebenslange Behinderung


Therapeutisch kann nur selten eine vollständige (Wieder-)Herstellung der Sprechfunktionen erreicht werden. Deshalb sind Menschen, die bereits als Kind eine Hirnschädigung erlitten haben, oft ihr gesamtes Leben lang mit einer Dysarthrie und den Konsequenzen der Kommunikationsstörung konfrontiert.
Die sprachtherapeutische Begleitung muss sich daher an den sich verändernden Anforderungen (z.B. Schule vs. Ausbildungs- vs. Arbeitsplatz) und Bedürfnisse der Betroffenen ausrichten.