Die sprachtherapeutische Forschung im Bereich der Dysarthrien befasst sich traditionell mit erwachsenen Patienten. Studien, die Kinder mit Kommunikationsstörungen untersuchen, widmen sich wiederum meist anderen Aspekten der Sprachentwicklung. Zum Thema kindliche Dysarthrien wurden bisher sehr wenige wissenschaftliche Studien durchgeführt.

 

Es gibt einige internationale Forschungsgruppen, vor allem in den USA, Großbritannien und Australien, die sich mit kindlichen Dysarthrien beschäftigen.

Bedeutsame Studien wurden unter anderem von den Arbeitsgruppen um Lindsay Pennington (University of Newcastle), Kathrin Hustad (University of Nebraska), Angela Morgan (Murdoch Children´s Research Institute), Ann Nordberg (Göteborgs Universitet), Rupal Patel (Northeastern University) und Carol Boliek (University of Alberta) durchgeführt (siehe Literaturliste).

Wer erforscht kindliche Dysarthrien?

Innerhalb Deutschlands befasst sich momentan ausschließlich die Entwicklungsgruppe Klinische Neuropsychologie (EKN) an der Universität München wissenschaftlich mit dem Thema.

Forschungsstand


Frühere Arbeiten zu kindlichen Dysarthrien aus den 1950ern und -60ern befassten sich vorwiegend mit Fragestellungen, die mit der neuro-logischen Grunderkrankung der Kinder in Zusammenhang standen (z.B. Byrne, 1959: Unterscheiden sich Kinder mit spastischer vs. athetotischer Cerebral-parese?). Neuere Arbeiten geben einen umfassenderen Überblick über auditive und akustische Charakteristika kindlicher Dysarthrien (z.B. Nordberg et al., 2014), allerdings ohne systematisch interagierende Entwicklungseinflüsse zu berücksichtigen (siehe Besondere Herausforderungen).

In den letzten Jahren gab es Bestrebungen einfache Bewertungs-skalen für die Schwere der dys-arthrischen Störung (z.B. Viking Speech Scale, Pennington et al., 2013) bzw. der kommunikativen Auffälligkeiten (z.B. Communication Function Classification System, Hidecker et al., 2011) für den Einsatz bei großangelegten Register-studien zu entwickeln (siehe Diagnostik).  Zwar wurden in den letzten zehn Jahren auch vermehrt Therapiestudien veröffentlicht, jedoch liegen bislang keine randomisierten Kontrollgruppenstudien vor (siehe Therapie).


 

Viele zentrale therapeutische Fragen bleiben bislang unbeantwortet:

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Welche Symptome sind typisch für kindliche Dysarthrien? Treten dieselben Störungsmerkmale und Syndrome auf, wie bei  erwachsenen Dysarthriepatienten?

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Wie können etablierte Diagnostikansätze und -verfahren auf Kinder übertragen und spezifisch an ihre Bedürfnisse angepasst werden?

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Sind Therapiemethoden, für die bei erwachsenen Patienten Effektivitäts-nachweise bestehen, auch bei Kindern sinnvoll?

 

Aktuelle Studie zu kindlichen Dysarthrien


Wir führen derzeit ein Projekt zu kindlichen Dysarthrien durch, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG, SCHO 1742/1-1) gefördert wird. Die Studie betrachtet kindliche Dysarthrien erstmals im Gesamt-zusammenhang der kindlichen (sprechmotorischen) Entwicklung. So ist ein Hauptziel des Projekts, Symptome kindlicher Dysarthrien von physiologischen Sprechmerkmalen abzugrenzen, die z.B. die anatomische Unreife des Sprechapparates während der Entwicklung widerspiegeln (siehe Diagnostik). Es wird außerdem untersucht, inwieweit Dysarthrien im Kindesalter hinsichtlich ihres klinischen Bildes mit im Erwachsenenalter erworbenen Formen vergleichbar sind. Zudem werden kindliche Störungen der Sprechmotorik im Kontext des Spracherwerbs betrachtet, indem z.B. Interaktionen zwischen Dysarthrie und phonologischer Entwicklung unter-sucht werden.

Das Promotionsprojekt von Elisabet Haas, das durch die Studienstiftung des Deutschen Volkes finanziert wird, stellt eine Erweiterung der DFG-Studie dar. Es analysiert im Rahmen einer Längsschnittstudie   den   Verlauf der dysarthrischen Sprechstörung von Kindern insbesondere auch unter Berücksichtigung kommunikativer Aspekte.
Bei unseren Untersuchungen werden wir von zahlreichen klinischen Koopera-tionspartnern unterstützt (siehe EKN-Webseite).
Aufbauend auf unseren Ergebnissen möchten wir langfristig ein normiertes und standardisiertes Diagnostik-instrument entwickeln. Unser Projekt trägt somit zunächst zu einem fundierten theoretischen Wissen über kindliche Dysarthrien bei, schafft jedoch langfristig auch Grundlagen für eine spezifische und valide Diagnostik und somit für eine gezielte Therapie betroffener Kinder.

Titel DFG-Projekt: Sprechen in der typischen Entwicklung und nach früher Hirnschädigung: Eine entwicklungsorientierte neurophonetische Studie kindlicher Dysarthrien.
Leitung / Mitarbeiter: Dr. Theresa Schölderle, Prof. Wolfram Ziegler, Elisabet Haas.


Weitere Infos finden Sie hier.


 

Hier finden Sie deutsch- und englischsprachige Veröffentlichungen zum Thema Kindliche Dysarthrien.