Welche Schwierigkeiten treten auf, wenn Material aus dem Erwachsenenbereich zur Diagnostik kindlicher Dysarthrien verwendet wird?

 

Frenchay Dysarthrie Untersuchung
(FDA: Enderby, 2004)
Zunge beim Sprechen

Anweisung: Beobachten Sie die Zungenbewegung während des Sprechens oder nutzen Sie die Wiederholung des folgenden Satzes zur Beurteilung:

„Karl Theodor kaut tagelang trockenes Kaugummi.“

Verständlichkeit – Wörter/Sätze

Material:

Anweisung:
Der Patient soll das Wort/den Satz auf der Karte vorlesen (…)

 

Bogenhausener Dysarthrieskalen (BoDyS:
Ziegler et al., 2015)
Lesen

Der Regenmantel: Zweifellos ist die menschliche Haut der beste Wasserschutz. Diese Tatsache mag für einen Tropenbewohner selbst-verständlich sein, einem Schotten hingegen hilft sie nicht viel weiter. (…)

Beschreibung einer Bildergeschichte

Sowohl die Frenchay Dysarthrie Untersuchung als auch die Bogenhausener Dysarthrieskalen enthalten in der bestehenden Form keine kindgerechten, an die Bedürfnisse mehrfachbehinderter Kinder angepassten Aufgabenstellungen.

 

Welches Material kann für die Diagnostik kindlicher Dysarthrien verwendet werden?

Park Play Scene (Patel & Connaghan, 2014)
Die Park Play Scene ist das erste Untersuchungsmaterial, das im englischsprachigen Raum spezifisch für die Elizitierung von Sprechproben von Kindern mit Dysarthrie entwickelt wurde. Sie ist folgendermaßen aufgebaut:
  • Bildbeschreibungsaufgabe
  • 52 Items: phonetisch, prosodisch und semantisch kontrolliert
  • Ziel: spontane Produktion der Items, eingebettet in Phrasen
  • ggf. ist aber auch das Vor- bzw. Nachsprechen der Wörter erlaubt ACHTUNG: Dann sind die Voraussetzungen für eine umfassende Analyse der Dysarthrie nicht mehr gegeben, da z.B. prosodische Merkmale nicht mehr sinnvoll bewertet werden können.
  • aktuell gibt es noch keine Instruktionen zur Auswertung
Die Park Play Scene bietet also eine Möglichkeit zur kindgerechten Elizitierung von
(Einwort-) Äußerungen, stellt aber noch kein vollständiges Diagnostikinstrument für
kindliche Dysarthrien dar.


Computerspiel zur Aufnahme dysarthrischer Kinder
Zur Beurteilung sprechmotorischer Funktionen bei Kindern mit Mehrfachbehinderung wurde in der EKN ein Diagnostikmaterial entwickelt (siehe Forschung), das die standardisierte Aufnahme von umfangreichen Sprechproben erlaubt. Das Material ist wie folgt konzipiert:

  • Nachsprechaufgabe
  • 12 phonetisch strukturierte Sätze
STIMULI: Ziel war es, Sprechproben zu elizitieren, welche die Grundlage für umfassende autitive Analysen (respiratorische, artikulatiorische und prosodische Parameter) darstellen können.

Daher sind die 12 Stimulussätze phonetisch divers und variieren hinsichtlich:

  • Intonationsmuster
  • Satzlänge
  • artikulatorische Komplexität
  • Anzahl der 1- bis 4-silbigen Wörter
  • Artikulationszonen
  • Artikulationsmodi
  • Stimmhaftigkeit
  • Unterstützung des Nachsprechens durch kindgerechtes Bildmaterial
  • Einbettung der Nachsprechsätze in eine spannende, zusammenhängende Geschichte
  • zur größtmöglichen Unterstützung des Arbeitsgedächtnisses werden beim Nachsprechen maximale Hilfen angeboten (mehrmalige Vorgabe der Nachsprechsätze, direkter Bezug der Nachsprechsätze zum Bild, etc.)
  • zusätzliche Aufnahme von Spontansprachproben an geeigneten Stellen im Spielverlauf („Was spielst du gerne mit deinen Freunden/Geschwistern?“)
  • Implementierung als Computerspiel wodurch eine standardisierte Darstellungsform gegeben ist
  • Sowohl der Computer als auch die Geschichte bieten einen motivierenden Kontext
  • zur Orientierung im Spielablauf ist der Spielfortschritt am unteren Spielfeldrand visualisiert
© Illustration: Björn Berg / Bildmakarna Berg AB.

Sie haben Kinder mit Dysarthrie in Therapie und möchten das Computerspiel selbst einmal durchführen? Schreiben Sie uns und wir lassen Ihnen das Material gerne zukommen!

Das Computerspiel bietet eine Möglichkeit zur kindgerechten Elizitierung von
Nachsprechsätzen sowie Spontansprachproben, stellt jedoch ebenfalls noch
kein vollständiges Diagnostikinstrument für kindliche Dysarthrien dar.
Im Rahmen des DFG-Projekts (siehe Forschung) wird momentan ein Ansatz zur Auswertung der aufgenommenen Sprechproben ausgearbeitet.
Über aktuelle Entwicklungen der Studie informieren wir Sie immer zeitnah auf dieser Seite!


Können wir auch mit Materialien, die wir jetzt schon in der Praxis haben, durch leichte Modifikationen umfangreiches und strukturiertes Sprachmaterial von den Kindern elizitieren?

Ideensammlung

Beim Nachsprechen einfache (Satz-)Strukturen und kurze Sätze einsetzen, die
semantisch reich sind
  Bildunterstützung beim Nachsprechen:
„Die Frau kämmt sich die Haare.“
Beim Nachsprechen:
lautere Vorgabe,
mehrmalige Vorgabe,
schrittweise Vorgabe

multimodale Stimulation
(z.B. gegebenenfalls Nachsprechen
und Lesen kombinieren)

Instruktionen in einfacher
Sprache formulieren

Das Arbeitsgedächtnis
unterstützen indem
Kontexteffekte genutzt
werden, wie z.B. in Bilder-
büchern in denen einzelne
Figuren/Abläufe/Handlungen
immer wiederkehren
(Eric Carle, 1995: 
Die kleine Maus
sucht einen Freund.
Verlag: Gerstenberg)
Sie haben noch mehr Ideen? Schreiben Sie uns!