Die auditive Beurteilung kindlicher Dysarthrien erfordert umfangreiche Hörerfahrung. Wir bieten Ihnen auf unserer Seite ausgewählte Hörbeispiele mit entsprechenden Beschreibungen der auftretenden Sprechmerkmale. Dabei ist das Ziel einerseits Merkmale einer typischen Sprechentwicklung wahrzunehmen und andererseits Symptome einer kindlichen Dysarthrie sicher zu erkennen.

 

Schritt I: typisch entwickelte Kinder

Bei der auditiven Diagnostik kindlicher Dysarthrien ist es nicht immer möglich, eine eindeutige Unterscheidung zwischen Dysarthriesymptomen und physiologisch auftretenden Sprechmerkmalen zu treffen (siehe Diagnostik).

Hören Sie daher nun im ersten Schritt das Sprechen typisch entwickelter Kinder im Vor- und Grundschulalter, um physiologisch auftretende Entwicklungsmerkmale wahrzunehmen:


Typisch entwickelte Kinder im Vor- und Grundschulalter zeigen im Vergleich zu Erwachsenen INADÄQUATE EINATMUNGSPAUSEN (zu häufige Pausen, zum Teil an unüblichen Stellen, z.B. im Wort):
Beispiel 1 (Mädchen, 6 Jahre)
„Ich versteck die Mausefalle unter dem Tisch.“ „Komm sofort runter und gibt sie zurück!“ „Schau mal, was er da macht!“ „Sieht das Mittagessen nicht lecker aus, Papa?“ „Kriegst du den Kopf nicht mehr aus der Küchenschüssel?“ [nachgesprochene Sätze, im Rahmen des durchgeführten Spiels]
„Und da gibt’s ne ganz große Seilbahn, aber ich durfte nur die Kindersachen machen, weil die großen sind noch gefährlich, weil da komm ich nicht nach ganz oben dran, an die Henkel.“ [Auszug aus spontanem Gespräch]
Beispiel 2 (Mädchen, 4 Jahre)
„Ich leg die Mausefalle hier unter.“ „Kriegst du deinen Kopf wirklich nicht mehr raus?“ „Kommt schnell hier, helft alle zusammen!“ [nachgesprochene Sätze, im Rahmen des durchgeführten Spiels]
„Ich kletter nur auf Klettergerüste und auf, und auf Baum, auf Bäu-, auf einen Baum, wo ein Häuschen drauf steht und wo ne Leiter ist. Auf so welche, auf so welche Klettergerüste kletter ich auch gern.“ „Malen, aber nicht dreckig machen. Wir malen nur, aber manchmal mit Pinseln, wenn wir damit malen, und Farbe, malen wir uns auch mal die Hände an.“ [Auszug aus spontanem Gespräch]

Auch eine eher LEISE PHONATION und BEHAUCHTE STIMMQUALITÄT fällt bei typisch entwickelten Kindern häufig auf:
Beispiel 1 (Junge, 4 Jahre)
„Ich mach viele Streiche.“ „Ich leg die Mausefalle hier runter.“ „Was ist denn da an meinem Zeh?“ „Hoffentlich fall ich nicht runter!“ „Kommt schnell her und helft alle zusammen!“ „Mach deine Augen ganz fest zu!“ „Das ist ja nur Farbe.“ [nachgesprochene Sätze, im Rahmen des durchgeführten Spiels]
Beispiel 2 (Mädchen, 7 Jahre)
„Hoffentlich fall ich nicht runter!“ „Mach sowas nie wieder!“ „Ich versteck die Mausefalle unter dem Tisch.“ „Was ist denn da an meinem Zeh?“ „Ich wollts nur mal probieren.“ „Schau mal, was er da macht!“ „Sieht das Mittagessen nicht lecker aus, Papa?“ „Kriegst du den Kopf nicht mehr aus der Suppenschüssel?“ „Kommt schnell her und helft alle zusammen!“ „Mach die Augen fest zu, sonst tuts dir weh!“ [nachgesprochene Sätze, im Rahmen des durchgeführten Spiels]

Typisch entwickelte Kinder zeigen auch ein im Vergleich zu Erwachsenen REDUZIERTES ARTIKULATIONSTEMPO:
Beispiel 1 (Junge, 3 Jahre)
„Ich leg die Mausefalle hier runter.“ „Was ist denn da an meinem Zeh?“ „Hast du auch schon Hunger?“ „Kriegst du deinen Kopf wirklich nicht mehr raus?“ „Kommt schnell her und helft alle zusammen!“ „Mach deine Augen ganz fest zu!“ „Das ist ja nur Farbe.“ [nachgesprochene Sätze, im Rahmen des durchgeführten Spiels]
Beispiel 2 (Junge, 5 Jahre)
„Ich mach viele Streiche.“ „Hoffentlich fall ich nicht runter.“ „Mach sowas nie wieder!“ „Was ist da an meinem Zeh?“ „Komm sofort runter und gib sie zurück!“ „Kommt hier, helft alle zusammen!“ [nachgesprochene Sätze, im Rahmen des durchgeführten Spiels]
„Für mich ist sie nicht schwer.“ „Ich kletter halt immer gern zu meinem Bruder hoch aufs Bett.“ [Auszug aus spontanem Gespräch]

Diese Merkmale sind bei typisch entwickelten Kindern mindestens bis zum Ende der Grundschulzeit zu beobachten. Zwangsläufig treten sie auch bei Kindern mit neurologischen Erkrankungen als Zeichen ihrer noch nicht abgeschlossenen sprechmotorischen Entwicklung auf und dürfen dann nicht als Symptome einer Dysarthrie missinterpretiert werden.

Für eine valide Unterscheidung zwischen Entwicklungsmerkmalen und Dysarthriesymptomen benötigen wir altersspezifische Normdaten, die bisher jedoch nicht zur Verfügung stehen (siehe Normdaten). Daher sollte in der Diagnostik auf altersunabhängige Störungsmerkmale geachtet werden (siehe Schritt II).

 

 

Schritt II: Kinder mit Dysarthrie

Erste Ergebnisse der aktuellen DFG-Studie (siehe Forschung) sprechen dafür, dass es auch Sprechmerkmale gibt, die zwar nach einer Hirnschädigung, jedoch nicht im Rahmen der typischen Entwicklung auftreten (siehe Tabelle). Diese sind unabhängig vom Alter eines Kindes als spezifische Störungsmerkmale einer Dysarthrie anzusehen und können z.B. bei der Frage, ob bei einem neurologisch erkrankten Kind eine Dysarthrie vorliegt, zur Orientierung dienen.

Hören Sie nun im zweiten Schritt Kinder mit Dysarthrien. Achten Sie dabei insbesondere auf spezifische Störungsmerkmale:


Spezifische Merkmale für eine kindliche Dysarthrie können, wie hier deutlich hörbar, eine GEPRESSTE STIMMQUALITÄT, HYPERNASALITÄT und eine MONOTONE SPRECHWEISE sein:
Mädchen, 7 Jahre
„Mach sowas nie wieder!“ „Ich versteck die Mausefalle unter dem Tisch.“ „Schau mal, was er da macht!“ „Hoffentlich fall ich nicht runter!“ „Kriegst du den Kopf nicht mehr aus der Suppenschüssel?“ [nachgesprochene Sätze, im Rahmen des durchgeführten Spiels]

Auch TONHÖHENSCHWANKUNGEN, STIMMZITTERN sowie SILBISCHES SPRECHEN können als spezifische Hinweise auf eine kindliche Dysarthrie gewertet werden, da sie bei typisch entwickelten Kindern nicht auftreten. Außerdem ist erneut eine ausgeprägte MONOTONIE hörbar:
Junge, 8 Jahre
„Ich versteck die Mausefalle unter dem Tisch.“ „Kriegst du den Kopf nicht aus der Suppenschüssel?“ „Mach die Augen zu, sonst tuts dir feste weh!“ „Mein Bruder hat mich angemalt.“ [nachgesprochene Sätze, im Rahmen des durchgeführten Spiels]
„Weiß ich nicht.“ „Ja, wollen wir nachher das spielen? Was ist das?“ „Das ist aber schlecht. Kann nicht mehr reden, nicht mehr riechen.“ [Auszug aus spontanem Gespräch]

Einen ähnlichen auditiven Eindruck vermittelt das nächste Beispiel. Neben TONHÖHENSCHWANKUNGEN und STIMMZITTERN fällt ein UNRHYTHMISCHES BETONUNGSMUSTER und eine WECHSELNDE ARTIKULATIONSSCHÄRFE auf:
Mädchen, 8 Jahre
„Der Michel hat auch die Suppe auf den Kopf geschüttet.“ „Der Papa wollte rein und dann ist da Blut.“ [Auszug aus spontanem Gespräch]

Während SILBISCHES SPRECHEN als spezifisches Merkmal einer kindlichen Dysarthrie angesehen werden kann, kann bei dem ebenfalls auffällig REDUZIERTEN ARTIKULATIONSTEMPO nur anhand eines Vergleichs mit der Altersnorm entschieden werden, ob es sich um ein Symptom handelt, da auch typisch entwickelte Kinder im Vergleich zu Erwachsenen verlangsamt artikulieren:
Junge, 6 Jahre
„Ich versteck die Mausefalle unter dem Tisch.“ „Kriegst du nicht den Kopf aus der Suppenschüssel?“ [nachgesprochene Sätze, im Rahmen des durchgeführten Spiels]
„Ja und dann ist die Zahnfee doch noch gekommen.“ [Auszug aus spontanem Gespräch]