Für die Behandlung von Kindern mit Dysarthrie stehen bislang keine eigens entwickelten Therapieansätze zur Verfügung. Darum müssen in der praktischen Arbeit Materialien und Methoden aus anderen therapeutischen Bereichen (Dysarthrietherapie mit Erwachsenen, Behandlung von Sprachentwicklungsstörungen) kombiniert und sinnvoll angepasst werden.

 

Die Therapie kindlicher Dysarthrien muss hohen Anforderungen genügen:

Spezifische Behandlung sprechmotorischer Funktionen zur Verbesserung der Kommunikation
Kindgerechte Gestaltung des Untersuchungs- und Therapiematerials, der Instruktionen usw.
Individuelle Anpassung des Vorgehens an die persönlichen Bedürfnisse und Fähigkeiten des Kindes (insbesondere bei Mehrfachbehinderung)

 

THERAPIESTUDIEN


Für die Behandlung kindlicher Dysarthrien liegen keine randomisierten Kontrollgruppenstudien vor. Derzeit verfügbare Therapieberichte sind demnach von einer niedrigen Evidenzstufe (Morgan & Vogel, 2008).

Vereinzelte Untersuchungen an kleinen Stichproben von Kindern weisen jedoch auf eine mögliche Effektivität einzelner Verfahren hin, die wiederum ursprünglich für erwachsene Patienten (z.B. LSVT, siehe unten) oder Kinder mit anderen Störungsbildern, wie z.B. der kindlichen Sprechapraxie (z.B. PROMPT, vgl. Ward et al., 2014), entwickelt wurden. Zudem sind Ergebnisse von Pennington, Roelant, et al. (2013), die in ihrem Therapieansatz systematisch relevante Funktionszusammenhänge adressierten und dabei positive Effekte erzielten, vielversprechend.

Über die Auswirkungen pharmakologischer oder chirurgischer Verfahren, die für erwachsene Patienten bereits empfohlen oder aber derzeit noch evaluiert werden (z.B. Botox bei spasmodischer Dysphonie, Tiefenhirnstimulation), ist bei Kinder noch nichts bekannt.

Viele etablierte Therapieverfahren im Bereich Dysarthrie sind mit einem hohen kognitiven Anspruch verbunden. Beispielsweise wird im Rahmen der Artikulationstherapie oft vorausgesetzt, dass Patienten phonetische Konfigurationen auf den eigenen Sprechapparat übertragen kön­nen (z.B. beim phonetischen Platzieren). Dies übersteigt jedoch die kognitiven Fähigkeiten der mehrfachbehinderten Kinder.

 LSVT®

Der Schwerpunkt des Lee-Silverman-Voice-Treatments (LSVT®) ist die Erhöhung der Lautstärke. Dieses primäre Therapieziel ist auch mehrfachbehinderten Kindern leicht vermittelbar und intuitiv umsetzbar.

Erste Studien belegen, dass sich durch den Einsatz des LSVT® bei Kindern mit Dysarthrie nicht nur die Sprechlautstärke erhöht, sondern auch die Artikulation, und damit die Verständlichkeit des Sprechens verbessert (Fox & Boliek, 2012).

 

IDEENSAMMLUNG

Sammlungen therapeutischer Übungen finden sich in den Standardlehrbüchern zur Dysarthrie. Hier werden beispielhaft ein paar Ideen für eine kindgerechte Umsetzung dieser Übungen zur Verbesserung ausgewählter Sprechfunktionen dargestellt:

Ziel

 

Übung

Verlängerung der Ausatmungen beim Sprechen  

→ immer ein „Gepäckstück“ mehr auf einen Atemzug

 

Steigerung der Sprechlautstärke  

→ räumliche Entfernung zwischen Kind und Therapeutin schaffen, Störgeräusche zulassen

 

Verbesserung der Satzbetonung

 

 

 

→ kontrastives Betonen in Dialogform (z.B. „schwerhörige Oma“)

 


Sie haben andere gute Ideen? Schreiben Sie uns!


 

Unterstützte Kommunikation (UK)

Bei Kindern mit schwerst ausgeprägten Störungen, die kaum mündliche Sprache produzieren, sollte frühzeitig eine Versorgung mit alternativen Kommunikationsmitteln

(Kommunikationstafeln, elektronische Sprachausgabegeräte / „Talker“) angedacht werden. Bei der Anschaffung der Geräte helfen Reha-Hilfsmittelfirmen sowie UK-Beratungsstellen. Fragen rund um das Thema Unterstützte Kommunikation beantwortet unter
anderem der Verband ISAAC.